Testosteron und Depressionen

Mann blickt auf Teströhrchen
Wie hängen Testosteron und Depressionen zusammen? Bild von prostooleh auf Freepik

Inhalt

Dass das Sexualhormon Testosteron und Depressionen zusammenhängen könnten, ist eine ziemlich naheliegende Vermutung. Schließlich sehen sich die Symptome von niedrigem Testosteron und Depressionen an sich recht ähnlich. Im heutigen Artikel schauen wir uns die Wechselbeziehung zwischen Testosteron und Depressionen ausführlich an und orientieren uns dabei am aktuellen wissenschaftlichen Stand, der nicht ganz so eindeutig ist, wie man auf den ersten Blick vermuten würde.

Übrigens: Das Thema Testosteronmangel und Depressionen ist nicht nur für Männer relevant! Auch Frauen können zu niedrige Testosteron-Spiegel aufweisen und was Depressionen angeht, sind Frauen aus statistischer Sicht häufiger betroffen (was vermutlich aber auch damit zusammenhängt, dass Männer sich weniger oft in Behandlung geben und somit weniger häufig eine entsprechende Diagnose erhalten).

Niedriges Testosteron VS Depression – Symptome im Vergleich

In der folgenden Tabelle findest du einen Überblick über diverse Symptome, die bei einem Testosteronmangel und einer Depression auftauchen können. Wie man sehen kann, überschneiden sich relativ viele Symptome.

Tabelle Testosteron und Depression im Vergleich

 

Einige Symptome von Testosteronmangel gleichen Symptomen einer Depression 1:1. Bei anderen geht es zumindest in eine ähnliche Richtung, beispielsweise der Verlust von Muskelmasse im Gegensatz zu einem allgemeinen Gewichtsverlust (bei dem zweifelsohne auch Muskelmasse flöten geht). Außerdem gibt es noch Symptome wie vermindertes Selbstwertgefühl, das zwar nur bei der Depression als typisches Symptom aufgeführt ist, aber dass typische Symptome von Testosteronmangel wie Libidoverlust, Gynäkomastie oder Gewichtszunahme nicht gerade das Selbstwertgefühl erhöhen, dürfte klar sein.

Trotzdem ist es wichtig, zu verstehen, dass die Symptome niedriger Testospiegel und einer Depression nicht komplett gleich sind. Gynäkomastie, Osteoporose oder Unfruchtbarkeit zählen nicht zu den Symptomen einer Depression.

Führt Testosteronmangel zu einer Depression?

Das Risiko an einer Depression zu erkranken, steigt mit dem Alter. Gleichzeitig sinkt auch der Testosteronspiegel mit dem Alter. Deshalb liegt die Frage nahe, ob es da eine Verbindung geben könnte. Dementsprechend wurden zu diesem Thema zahlreiche Studien durchgeführt, die nicht immer zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Obwohl es viele Studien gibt, die Hinweise auf eine Verbindung zwischen niedrigen Testosteronwerten und Depressionen liefern, gibt es auch einige Studien, die keinen Zusammenhang feststellen konnten.

Hier eine kleine Übersicht der wichtigsten Studien, die Hinweise gefunden haben, die für einen Zusammenhang zwischen Testosteronmangel und Depressionen sprechen:

  • Almeida et al., 2004: In dieser Studie wurde gesunden Männern eine Androgen-Deprivationstherapie verabreicht, sprich bei ihnen wurden die männlichen Sexualhormone unterdrückt. Das Resultat: Ein Anstieg an depressiven Symptomen. (Almeida OP, Waterreus A, Spry N et al.: One year follow-up study of the association between chemical castration, sex hormones, beta-amyloid, memory and depression in men. Psychoneuroendocrinology 2004, 29:1071-81:)
  • Pope et al., 2010: Depressiven Männern mit Testosteronmangel oder grenzwertig niedrigen Testosteronwerten wurde über acht Wochen ein 1%-iges Testosterongel verabreicht. Gegenüber einer Placebo-Gruppe zeigten die mit Testosterongel behandelten Männer eine deutliche Besserung ihrer depressiven Symptome. (Pope HG, Jr., Amiaz R, Brennan BP et al.: Parallel-group placebo-controlled trial of testosterone gel in men with major depressive disorder displaying an incomplete response to standard antidepressant treatment. J Clin Psychopharmacol 2010, 30:126-34)
  • Khera et al., 2012: Über einen Zeitraum von 12 Monaten wurde eine Gruppe von 849 Männern mit niedrigen Testosteronspiegeln mit 1%-igem Testosterongel behandelt, wobei vor Beginn der Behandlung 17% mittelschwere bis schwere depressive Symptome zeigten und später nur noch 2%. (Khera M, Bhattacharya RK, Blick G et al.: The effect of testosterone supplementation on depression symptoms in hypogonadal men from the Testim Registry in the US (TRiUS). Aging Male 2012, 15:14-21

Alles in allem lässt sich sagen, dass ein großer Teil der Literatur einen Zusammenhang zwischen Testosteronmangel und depressiven Symptomen sieht, es jedoch auch ein paar Studien gibt, die diese Hypothese eher nicht stützen können.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig anzuerkennen, dass viele Faktoren, die einen Testosteronmangel begünstigen, ebenfalls die Entstehung einer Depression begünstigen.

Hierzu zählen beispielsweise übermäßiger Stress, Übergewicht sowie Alkoholabhängigkeit. Da wären wir auch gleich beim nächsten Problem: Sowohl Testosteronmangel als auch Depressionen haben oft eine multifaktorielle Genese, sprich mehrere Komponenten treffen aufeinander und wirken dann gemeinsam als Auslöser.

Man kann sich das Entstehen vieler Krankheiten so vorstellen: Jeder Mensch bringt individuelle genetische Voraussetzungen mit, die vorschreiben, wie anfällig man grundsätzlich für eine bestimmte Krankheit ist. Dies wird auch als Vulnerabilität bezeichnet. Ob die Krankheit wirklich ausgelöst wird, entscheidet sich dann daran, welche weiteren Faktoren im Laufe des Lebens auf den Menschen einwirken, die ihn vor einer Erkrankung schützen oder diese begünstigen. Bei Menschen, die für eine bestimmte Krankheit besonders anfällig sind, reichen dann schon wenige begünstigende Faktoren, während bei anderen Menschen schon viel mehr passieren muss, damit die gleiche Krankheit ausbricht.

In diesem Sinne kann ein Testosteronmangel dazu beitragen, dass ein Mensch eine Depression entwickelt – schließlich ist ein Testosteronmangel körperlicher und psychischer Stress, der bei entsprechender Vulnerabilität auch zu der Entwicklung einer Depression beitragen kann. Dies ist jedoch nicht zu verwechseln mit den depressiven Symptomen, die durch den Testosteronmangel selbst bedingt sind. Hier gilt es genau zu unterscheiden.

Wenn depressive Symptome vorliegen, ist es daher immer wichtig, dass differentialdiagnostisch untersucht wird, woher die Symptome kommen. Wenn die depressiven Symptome beispielsweise Ausdruck eines niedrigen Testoteronspiegels sind, wäre es sinnvoller den Testosteronmangel zu beheben statt eine reine Psychotherapie durchzuführen. Begleitend kann eine Psychotherapie natürlich dennoch Sinn machen, wenn gleichzeitig auch das eigentliche Problem, hier also der Testosteronmangel, behandelt wird.

Anders herum gilt das Gleiche: Wenn wir es mit einer Depression zu tun haben und die Testosteronspiegel normal sind, wäre eine zusätzliche Testosteronzufuhr nicht der beste Ansatz, um die Symptome zu behandeln.

Ebenfalls sollte man in Betracht ziehen, dass natürlich auch beide Krankheitsbilder parallel vorliegen können.

Hinweis: Natürlich gibt es noch viele andere körperliche und psychische Erkrankungen, die mit depressiven Symptomen einhergehen können, auch wenn es in diesem Artikel speziell um Testosteronmangel und Depressionen geht. Es gilt also grundsätzlich, dass zunächst richtig diagnostiziert werden muss, damit im nächsten Schritt die passende Behandlung eingeleitet werden kann. Bei depressiven Symptomen sollten immer auch körperliche Ursachen in Betracht gezogen und untersucht werden.

Ab wann ist der Testosteronspiegel zu niedrig?

Ab wann spricht man eigentlich von einem niedrigen Testosteronwert? Der Testosteronwert wird als niedrig eingestuft, wenn er unterhalb eines bestimmten Referenzwertes liegt, der von Labor zu Labor abweicht. Es gibt also keinen fix definierten Grenzwert.

Um das besser zu verstehen, folgen hier die Gesamttestosteron-Referenzwerte von drei Laboren, die ihre eigenen Referenzwerte für Männer unter 50 Jahren definiert haben:

Wie man sehen kann, wäre man mit einem Testosteronwert von 2,7 ng/ml nur bei einem Labor unter den Normwerten, während man mit einem Wert von 2,2 ng/ml bei zwei Laboren unter den normalen Referenzbereich fallen würde. Gleichzeitig wäre man mit einem Wert von unter 2,0 ng/ml bei allen Laboren unterhalb des normalen Bereichs. Testosteronwert ist also nicht gleich Testosteronwert - es kommt immer auf den Referenzbereichs des testenden Labors an.

Trotzdem lässt sich festhalten, dass man als Mann unter 50 mit Testosteronwerten unter 3,0 ng/ml in der Regel eher im unteren Referenzbereich oder sogar darunter liegt.

Und diese Referenzwerte werden für Frauen angegeben:

 

Merke: Es ist immer wichtig, dass man den vom Labor angegeben Referenzbereich im Blick behält.

Was tun bei niedrigem Testosteronwert?

Wie bereits zuvor beschrieben, können unterschiedliche Faktoren dazu beitragen, dass Menschen einen niedrigen Testosteronwert aufweisen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass es unterschiedliche Wege gibt, die dazu führen kann, dass das Testosteron wieder ansteigt. Hier ist eine Liste von Dingen, die nachweislich die Testosteronproduktion erhöhen können:

  • Einen gesunden Körperfettanteil erreichen: Wer einen hohen Körperfettanteil hat, sollte sich mit dem Thema Abnehmen beschäftigen, denn Körperfett und Testosteronwert beeinflussen einander gegenseitig. Konkret drückt ein hoher Körperfettanteil die Testosteronproduktion und anders herum führen niedrige Testosteronspiegel dazu, dass man leichter Körperfett zunimmt. Dass abnehmen helfen kann, die Testosteronproduktion anzukurbeln, ist wissenschaftlich gut belegt (z.B. Mulligan et al., 2016; Kaplan et al., 2006 und Osuna et al., 2006).
  • Ausreichend schlafen: Wenn für guten Schlaf gesorgt ist, kann der Körper besonders effektiv Testosteron herstellen. Auch hierfür gibt es zahlreiche Nachweise, beispielsweise Leproult & Van Cauter, 2011.
  • Stress reduzieren: Bei zu viel Stress schüttet der Körper vermehrt Cortisol aus, was die Testosteronproduktion beeinträchtigen kann. Die Reduktion von Stress kann dementsprechend eine positive Wirkung auf das körpereigene Testosteron haben (Androl, 1997).
  • Krafttraining: Dass Krafttraining Testosteron erhöhen kann, ist unbestritten (siehe beispielsweise Schwanbeck et al., 2020). Als ideal gelten dabei vor allem das Tranining mit freien Gewichten, schwere Gewichte und relativ wenig Wiederholungen.
  • Ausgewogene Ernährung: Hormone werden aus Fett hergestellt, weshalb eine fettarme Diät für die Testoproduktion nicht ideal ist. Vor allem die "guten" Fette, also Omega-3-Fettsäuren, sollten in ausreichenden Mengen verzehrt werden. Omega-3-Fettsäuren finden sich beispielsweise in Fisch (z.B. Lachs), Avocado und Nüssen.
  • Kein Alkohol trinken: Alkohol wirkt sich negativ auf die Produktion von Testosteron aus. Daher ist es ratsam, keinen oder nur möglichst wenig und unregelmäßig Alkohol zu konsumieren, wenn man die körpereigene Herstellung von Testosteron optimieren möchte.
  • Regelmäßig Sex haben: Testosteron spielt eine wichtige Rolle beim Sex, denn es beeinflusst unter anderem die Libido. Im Idealfall sollte man regelmäßig Sex haben, denn wenn der Körper weiß, dass man sexuell aktiv ist, stellt er mehr Testosteron her, damit man weiterhin sexuell aktiv bleiben kann.
  • TRT (Testosteron-Ersatztherapie): Nicht nur auf natürlichem Wege lassen sich Testosteronwerte erhöhen, sondern auch mit medizinischer Unterstützung. Dabei geht es nicht darum, sich Unmengen von Testosteron zu spritzen, sondern darum, das ursprüngliche, natürliche Level wiederherzustellen. Wer über ausreichend Testosteron verfügt, sollte von der zusätzlichen Zufuhr von außen jedoch absehen, denn wenn man von außen Testosteron zuführt, wird der Körper das feststellen und die eigene Produktion einstellen. Die Testosteron-Ersatztherapie muss von einem Arzt verschrieben werden.

Fazit zu Testosteron und Depressionen

Niedrige Testosteronwerte können in depressiven Symptomen resultieren und dementsprechen wie eine Depression aussehen. Andersrum gibt es auch bei Depressionen Symptome, die man zunächst vielleicht mehr mit fehlendem Testosteron in Verbindung bringen würde, beispielsweise der Rückgang der Libido. Ein Testosteronmangel und eine Depression können außerdem auch gleichzeitig bestehen.

Für beide Störungsbilder gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten, wobei diese jedoch völlig unterschiedlich aussehen. Daher ist es wichtig, dass genau diagnostiziert wird, bevor eine Behandlung begonnen wird.

Quellen

  • Universitäts Spital Zürich, Hypogonadismus
  • Almeida OP, Waterreus A, Spry N et al.: One year follow-up study of the association between chemical castration, sex hormones, beta-amyloid, memory and depression in men. Psychoneuroendocrinology 2004, 29:1071-81:)
  • Pope HG, Jr., Amiaz R, Brennan BP et al.: Parallel-group placebo-controlled trial of testosterone gel in men with major depressive disorder displaying an incomplete response to standard antidepressant treatment. J Clin Psychopharmacol 2010, 30:126-34
  • Khera M, Bhattacharya RK, Blick G et al.: The effect of testosterone supplementation on depression symptoms in hypogonadal men from the Testim Registry in the US (TRiUS). Aging Male 2012, 15:14-21
  • Seidman SN, Rabkin JG: Testosterone replacement therapy for hypogonadal men with SSRIrefractory depression. J Affect Disord 1998,
    48:157-61
  • Araujo AB, Durante R, Feldman HA et al.: The relationship between depressive symptoms and male erectile dysfunction: cross-sectional results from the Massachusetts Male Aging Study. Psychosom Med 1998, 60:458-65
  • T’Sjoen GG, De Vos S, Goemaere S et al.: Sex steroid level, androgen receptor polymorphism, and depressive symptoms in healthy elderly men. J Am Geriatr Soc 2005, 53:636-42
  • Labor Gärtner, Testosteronwerte
  • Labor Vidotto, Wie viel Testosteron braucht der Mann
  • Endokrinologikum Aesculabor, Testosteronwerte
  • Labor Union, Testosteronwerte
  • Kovac JR, Pan M, Arent S, Lipshultz LI. Dietary Adjuncts for Improving Testosterone Levels in Hypogonadal Males. American Journal of Men’s Health. 2016;10(6):NP109-NP117. doi:10.1177/1557988315598554
  • Mulligan T, Frick MF, Zuraw QC, Stemhagen A, McWhirter C. Prevalence of hypogonadism in males aged at least 45 years: the HIM study. Int J Clin Pract. 2006 Jul;60(7):762-9.
  • Kaplan SA, Meehan AG, Shah A. The age related decrease in testosterone is significantly exacerbated in obese men with the metabolic syndrome. What are the implications for the relatively high incidence of erectile dysfunction observed in these men? J Urol. 2006 Oct;176(4 pt 1):1524-7.
  • Osuna JA, Gomez-Perez R, Arata-Bellabarba G, Villaroel V. Relationships between BMI, total testosterone, sex hormone-binding globulin, leptin, insulin and insulin resistance in obese men. Arch Androl. 2006 Sep-Oct;52(5):355-61.
  • JAMA Network, “Effect of 1 Week of Sleep Restriction on Testosterone Levels in Young Healthy Men”; Rachel Leproult, PhD; Eve Van Cauter, PhD
  • Androl, 1997, 18:475-4791997, 18:475-479
  • Schwanbeck, S., Cornish, S. M., Barss, T. S. & Chilibeck, P. D. (2020). Effects of Training With Free Weights Versus Machines on Muscle Mass, Strength, Free Testosterone, and Free Cortisol Levels. The Journal Of Strength And Conditioning Research, 34(7), 1851–1859.
  • Physiology & Behavior, Jul 1992, 52(1):195-197, “Male and female salivary testosterone concentrations before and after sexual activity”
  • Journal of Gerontology, 1982, 37(3):2880-293, “Relationship of Serum Testosterone to Sexual Activity in Healthy Elderly Men”
  • Lopresti, A. L., Smith, S. J., Malvi, H. & Kodgule, R. (2019). An investigation into the stress-relieving and pharmacological actions of an ashwagandha (Withania somnifera) extract. Medicine, 98(37), e17186.

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